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  • AutorenbildBirte Gutmayer

Wer beim Klettern regelmäßig reflektiert und verbessert wird auf Dauer ein immer größer werdendes Repertoire an effizienten Kletterbewegungen aufbauen.


Bei meinem letzten Boulderhallenbesuch beobachtete ich aus dem Augenwinkel einen Boulderer, der anscheinend die Griffe aus der Wand reißen wollte. Die Frage, ob der Boulder sein Feind sei, verkniff ich mir. 

Stattdessen fragte ich mich, warum das Klettern bei manchen Kletternden aussieht, als hätten sie ihren Endgegner vor sich und bei anderen als gäbe es keine Schwerkraft? 

Während die einen mehrmals nachgreifen, ihre Füße laut gegen die Wand schlagen und der Bizeps unter Dauerspannung ist, scheinen die anderen genau zu wissen, was zu tun ist, um sich effizient an der Wand zu bewegen. 

Klar ist, wer sich effizient bewegt, hat ein gutes Bewegungsgefühl. Doch woher kommt eigentlich dieses Gefühl für Bewegungen und den eigenen Körper? Wahrscheinlich ist es weder angeboren noch kommt es von ganz allein, sondern ganz im Gegenteil wurde es über Jahre aufgebaut; meist schon in jungen Jahren in spielerischer Art und Weise. Aber auch Erwachsene können ihr Bewegungsgefühl schulen, solange sie zwei Grundsätze befolgen:


Grundsatz Nummer 1: Du darfst dich körperlich nicht anstrengen wollen! 

Um unsere Muskeln beim Klettern zu schonen, müssen wir mehr darüber nachdenken, was wir tun. Zum Beispiel können wir uns einen Bewegungsplan erstellen, bevor wir einsteigen.  Oder wir können darauf achten, nicht nachzugreifen genauso wie auf Anhieb präzise zu treten. So sparen wir nicht nur Zeit, sondern auch unnötige Muskelkontraktionen. Außerdem können wir unsere Arme lang lassen, um möglichst entspannt die passenden Tritte aussuchen zu können. Nur so können wir unsere Beinkraft für die Aufwärtsbewegung adäquat nutzen. Kurz gesagt: “Werde körperlich faul, aber mental fleißig!”

Was das bedeutet, habe ich erst vor kurzem selbst erlebt, als ich nach vier Monaten endlich wieder am Fels war. Ich merkte, dass ich meine Füße nicht mehr unter Kontrolle hatte und musste mich auf einmal förmlich dazu zwingen, auf den ungewohnt kleinen Tritten präzise anzutreten. Was zuvor unbewusst ablief, erforderte plötzlich viel Wille und geistige Energie. 


Grundsatz Nummer 2: Es muss sich gut anfühlen!

Prinzipiell gilt: Was sich nicht gut anfühlt, ist meist auch nicht gut. Wir sollten verstärkt auf unseren Körper hören und uns die Zeit nehmen eine bessere Lösung zu finden, die unseren Körper schont. Wenn wir merken, dass ein Zug sehr viel Kraft verbraucht, gibt es wahrscheinlich noch eine andere Lösung. Sobald wir die kraftschonendste Lösung gefunden haben, geht es im zweiten Schritt darum, diese Bewegung weiter zu perfektionieren, indem wir noch etwas mehr mit dem Fuß ziehen, die Hüfte noch etwas näher an die Wand bringen oder  den Zug noch etwas schneller ausführen. Um effizient zu klettern, sollten wir Züge und Sequenzen so lange üben, bis sie sich flüssig, elegant und kraftschonend anfühlen. Wer allein damit zufrieden ist, oben anzukommen, wird auf Dauer keine Verbesserungen erleben. Fortschritt erleben wir nur, wenn wir Neues ausprobieren, Lösungen abwägen und uns für die beste entscheiden. Diese sollte dann mehrmals wiederholt werden, um sie im Detail weiter zu perfektionieren und abzuspeichern, wie beim Lernen von Vokabeln. Nur lernen wir beim Klettern Wörter anstelle von Bewegungen. 

Je näher wir beim Rotpunkten an unser körperliches Limit kommen wollen, desto wichtiger wird der Effizienzgewinn in den Projekten. Und je schwerer wir onsighten wollen, desto mehr Bewegungen müssen wir schon intuitiv abrufen können.  


Der Unterschied zwischen Kletternden, die einen Feind bezwingen und Kletternden, die die Schwerkraft scheinbar mühelos überwinden, ist also nicht, dass sich die einen ständig auf dem Schulhof geprügelt haben und die anderen nur auf Bäume geklettert sind, sondern dass die letzteren an jedem Klettertag ihr Klettern reflektieren und verbessern und so ein immer größer werdendes Repertoire an effizienten Kletterbewegungen aufbauen.



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