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  • AutorenbildBirte Gutmayer

Missing Downgraders

Aktualisiert: 9. März 2023

Looking for more downgraders! - Ein Aufruf zur Selbstreflexion!

Mein Onsight in "Cren" in Albenga fühlte sich für mich mehr nach 7c+ als 8a an. Mein erster 8a Onsight folgte erst ein Jahr später.

Für Kletterer gibt es kaum ein schöneres Gefühl, als den Umlenker zu klippen. Je adrenalin-geladener der Onsight, je quälender die Rotpunkt-Odyssee, desto größer sind die ersehnte Erleichterung und der Stolz auf den Erfolg. In diesem einzigartigen Moment rückt der Klettergrad in den Hintergrund und wird von purer Freude überstrahlt.

Doch welche Rolle spielen sonst die viel diskutierten Grade im restlichen Leben eines Kletterers? Mit Freunden am Fels abzuhängen, den obligatorischen Kaffee zu schlürfen oder die ehemals unberührte Natur zu genießen sind sicherlich ansehnliche Accessoires eines beispiellosen Klettertages. Ist dieses schmückende Beiwerk aber nicht eher ein Grund für ein Picknick im Wald als einen Tag am Fels zu verbringen? Bevorzugen wir nicht das Klettern, um sportliche Herausforderungen zu finden, die ein Picknick einfach nicht bieten kann? Herausforderungen, die uns weder über- noch unterfordern?!


Klettergrade entstanden aus dem Verlangen nach einer Orientierungshilfe. Die passende Angabe zur Schwierigkeit bildete vor der Verbreitung des Bohrhakens die Lebensversicherung eines jeden Kletterers. Heute dient der Grad im Sportklettern weniger dem Leben als vielmehr der Entscheidung, der Route einen Onsight, Flash oder Rotpunkt abzugewinnen. Es steckt wohl in der Natur des Menschen Herausforderungen finden zu wollen, die uns ans persönliche Limit bringen. Klettergrade bieten uns die Möglichkeit die passende Challenge mit geringem Aufwand zu finden. Im besten Fall folgt am Ende des Tages der Eintrag einer gekletterten Route in unser Routenbüchlein. Ein tolles Gefühl… Je höher der Grad, desto heroischer die Leistung, die Anerkennung… Ruhm und Ehre! Wenn ein angegebener Klettergrad mit dem ideell objektiven Grad nicht übereinstimmt, endet der Klettertag entweder mit einem unverhofften Onsight oder mit totalen Selbstzweifeln.


Grade helfen uns also dabei, einen angenehmen Klettertag zu erleben, an dem unsere Erwartungen die Chance haben erfüllt werden zu können. Wer dennoch glaubt, dass Klettergrade nicht essentieller Bestandteil des Klettersports sind, der stelle sich doch einmal andere Individualsportarten ohne objektive Bewertung vor: Golfen ohne die Anzahl an Schlägen, Sprinten oder Weitsprung ohne Messungen oder Bogenschießen ohne Zielscheibe. Hätten Routen keine Bewertungen wäre die Headline auf 8a.nu “Adam Ondra klettert mit ‘Change’ eine tolle Linie durch einen langen Überhang” anstatt “Adam Ondra klettert mit ‘Change’ die erste 9c weltweit”.


Sehnen wir uns also bei Schlagzeilen wie auch bei der regelmäßigen Ausübung einer Sportart, nicht alle nach einem Bewertungssystem, an dem wir uns orientieren können? Nicht selten endet eine Diskussion am Fels über Grade mit dem Satz: “Aber hey, wir klettern doch keine Grade, sondern nennenswerte Namen und legendäre Linien”. Diesen Hinweis habe ich auch schon auf Instagram gelesen, nachdem ich “Father and Son” von 8c auf maximal 8b+ abgewertet habe. Sollten wir uns also alle mehr auf die Suche nach Kinglines machen, anstatt bestimmte Grade zu suchen und zu klettern? Die fränkische Schweiz wäre dann ehrlich gesagt schnell abgeklettert. Und was würde ein 400-Meter Läufer dazu sagen, wenn er seine Strecke ab sofort nur noch in genialer Atmosphäre, statt in seiner persönlichen Bestzeit laufen sollte? Immer häufiger gewinne ich den Eindruck, dass die Bedeutung von Klettergraden heruntergespielt wird, mit der einzigen Ausnahme, wenn softe Bewertungen dem eigenen Ego dienen. Damit geht Orientierungshilfe leider als funktionaler Bestandteil des Kletterns mit der Zeit verloren.


Wo früher heiß diskutiert wurde, neue Grade nur selten vergeben wurden, werden heute Klettergrade oftmals unreflektiert übernommen. Softe Routen dienen nicht nur der Bestätigung der eigenen Stärke, sondern auch der Demonstration des Könnens in sozialen Medien. Wie kann man sich sonst erklären, dass die softesten Routen all zu oft die meisten Begehungen haben? Beispiele dafür gibt es viele: die 5 Jahre bestehende Route “Glücksbringer” auf der Schwäbischen Alb verläuft durch ein brüchiges Dach, hat schon acht Wiederholungen auf 8a.nu und ist erstmals mit 8b bewertet worden, allerdings meiner Meinung nach maximal eine 8a+ wert. “Morbid Angel” einige Meter weiter links verläuft hingegen durch kompakten Fels, existiert schon seit mindestens 18 Jahren, hat bisher erst sechs Begehungen auf 8a.nu. Verwunderlich? - Nein! Die solide 8b ist nur mit 8a+ bewertet. Im Frankenjura gibt es viele weitere Phänomene, deren erste Bewertungen umstritten sein sollten: “Dumbo” 7b+ an der Klinge wäre am Voralpsee maximal 7a+ und “Roter Baron” 7b+ in der Bärenschlucht gehört das Plus entzogen. Und wenn die Bewertung von “Father and Son” unpassend ist, dann vielleicht auch die Bewertungen der anderen oft begangenen 8b+ und 8c-Routen wie “Cringer”, “Battle Cat” und “Roof Warrior”?!

Im High-End-Bereich gibt es einige Vorbilder, die die erste Bewertung als Bewertungsvorschlag sehen und nach der Begehung ihre eigene Bewertung abgeben: Jakob Schubert wertete 2018 nach seinem Flash den Boulder “Catalan Witness the Fitness” von 8c auf soft 8b+ ab. Seb Bouin wertete “Patanics” 9b auf maximal 9a+ ab und Dave MacLeod downgraded “Walk of Life” von E12 auf E9.

Wenn Klettergrade also der eigenen Orientierung und der Einordnung von sportlichen Leistungen anderer dienen sollen, dann ist es doch wünschenswert, dass sie hinterfragt und korrigiert werden, um wie bei einem großen globalen Puzzle ein einheitliches Bild zu erhalten. So sind alle Kletterer, die Klettergrade öffentlich äußern, in der Verantwortung den vorgeschlagenen Grad nicht als gegeben, von Gott gewollt, hinzunehmen, sondern den Grad zu hinterfragen und auf der gewählten Plattform gegebenenfalls ab- oder aufzuwerten. Die Verantwortung für ein einheitliches Bild liegt nicht allein bei den Erstbegehern oder bei den Autoren für Kletterführern, sondern bei jedem, der seine Route auf einer Routenplattform einträgt, seine Begehung bei Instagram postet oder ganz oldschool im Freundeskreis von seinem Durchstieg berichtet. Routen ins eigene Routenbüchlein einzutragen und sich selbst zu belügen ist eine Sache. Spätestens im Spitzensportbereich, wo Sponsoren und deren Geld eine Rolle spielen, ist der vorsichtige Umgang mit Graden unabdingbar, denn sobald das Klettern eines Grads im Interesse der Öffentlichkeit steht, belügen Kletterer nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Community.


Spitzensportler in der Öffentlichkeit sind mit ihrer Vorbildfunktion verantwortlich für die Integrierung eines akzeptierten Up- und Downgrading-Prozesses in der gesamten Kletterwelt. Diskussionen über Schwierigkeitsbewertungen sollten nicht klein geredet, sondern viel mehr angefeuert werden. Niemand ist in der Lage alle Klettergebiete der Welt zu beklettern und miteinander zu vergleichen, aber Plattformen wie 8a.nu, Vertical Life und 27crags bieten uns heutzutage bessere Möglichkeiten denn je, ein einheitliches Bild zu erschaffen. Voraussetzung dafür ist die Ehrlichkeit zu sich selbst und zu anderen. Je mehr Leute ihre persönliche Einschätzung abgeben, desto näher rückt der Klettergrad an die Wahrheit. Letztendlich ist es eine Illusion, dass ein Einzelner eine Route objektiv bewerten kann. Objektivität entsteht erst durch intersubjektive Verifizierung. Somit sollte der Grad des Erstbegehers als Bewertungsvorschlag wahrgenommen werden, der erst durch die Perspektiven anderer Menschen bestätigt oder korrigiert werden muss. Der Erstbegeher trägt somit die Verantwortung weitere Meinungen einzuholen und Wiederholer tragen die Verantwortung Feedback zu geben.


Aber wie kommt man eigentlich auf eine Bewertung? Routen in schweren Onsights abzuwerten ist möglich, aufzuwerten hingegen eine heikle Angelegenheit, da die einfachste Lösung dem Onsighter meist verborgen bleibt. Mit genügend Selbstreflexion ist eine Bewertung beim Rotpunkten schon eher machbar, da mehrere Parameter zur Verfügung stehen: die maximale Boulderschwierigkeit, die Routenlänge ohne Rastmöglichkeiten, die Anzahl an Sequenzen zwischen den Pausen, die externen und internen Bedingungen, die notwendigen Versuche oder Projekttage unter Beachtung der externen und internen Bedingungen und die Notwendigkeit von Mikrobeta. Auch der sogenannte Liegefaktor ist ein wichtiges Kriterium. Weiterhin ist es notwendig aus seiner lokalen Blase herauszukommen, um in unterschiedlichen Gebieten sein persönliches UIAA-Meter immer wieder neu einzustellen.


Eine Kletterwelt mit validierten Bewertungen würde zu erfolgreicheren Klettertagen führen, da unsere Erwartungen häufiger erfüllt werden könnten. Selbstzweifel und Enttäuschungen über die eigene Leistungsfähigkeit wären nicht mehr Resultat willkürlicher Bewertungen. Des Weiteren wäre unsere Leistungskurve wesentlich gleichmäßiger, da eine einzelne überbewertete Route keine Spitze ohne Grundlage bilden würde. Wer seine Routen höher bewertet als es der Realität entspricht, trägt zum Wertverlust von Begehungen mit validierten Graden bei. In einer Welt mit korrigierten Graden würden erfolgreiche Durchstiege endlich die passende Würdigung erhalten.


Letztendlich bleibt jedem Kletterer selbst überlassen, ob er an Wunder glaubt und sich als Konsument in kurzfristigen Erfolgen wälzen will oder das langfristige Ziel der stetigen Verbesserung im Auge behält. Mit konservativen Bewertungen, Reflexion und Diskussion retten wir nicht nur die seltene und schützenswerte Gattung der Downgraders, sondern beugen auch der Gradinflation vor, genauso wie dem übermäßigen “Run” auf softe Routen.


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