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  • AutorenbildBirte Gutmayer

Aktualisiert: 9. Juli

Taktisch klug projektieren

Effizient Rotpunkten durch taktische Raffinesse


Projektieren einer schweren Sportkletterroute

Planvoll oder planlos?

Wer beim Projektieren taktisch klug vorgeht, kann immens viele Ressourcen sparen, unter anderem Zeit, Kraft und mentale Energie. Wer sich nicht vom Impuls leiten lässt, mit jedem Go einen neuen Highpoint zu setzen, wird seinen maximalen Klettergrad mindestens um einen halben Grad nach oben verschieben können. Doch leider setzen sich viele Kletterer und Kletterinnen nicht genügend mit dem Prozess des Projektierens auseinander und starten einen Rotpunktversuch nach dem anderen. Diese Variante des “Projektierens” ist weit verbreitet, obwohl sich ein Projekt eigentlich nicht darüber definiert, sich blindlings in eine neue Aufgabe zu stürzen und einfach mal zu schauen, wie weit man kommt, wenn man sich nur genug anstrengt. Ganz im Gegenteil liegt der tiefere Sinn eines Projekts sich auf “eine zeitlich befristete, relativ innovative und risikobehaftete Aufgabe einzulassen, die “von erheblicher Komplexität,” ist und “die aufgrund ihrer Schwierigkeit und Bedeutung meist ein gesondertes Projektmanagement erfordert.” (Gabler Wirtschaftslexikon).

Während im Job der Projektplan zum Alltag gehört, sind es beim Klettern meist nur die Profis, die sich dieser kraft- und nervensparenden Herangehensweise bedienen. Dabei kann es sich, unabhängig vom absoluten Grad, auch schon bei einem kleineren Tagesprojekt lohnen, sich über einzelne Projektschritte und Zwischenziele Gedanken zu machen.  Die Frage lautet also, welche taktischen Alternativen zum “Klettern bis zum Abfallen” existieren.


Die beliebteste aber ineffizienteste Taktik des Projektierens

Immer wieder sehe ich Kletterer und Kletterinnen, die in eine Route über ihrem Onsight-Niveau einsteigen und einfach mal schauen, wie weit sie kommen. Mit voll gepumpten Armen stürzen sie ins Seil. Der Franzose würde sagen: “Rien ne va plus!”.  Und als ob ihnen der Pump nicht reichen würde, stürzen sie sich gleich in den nächsten Kampf gegen die Route. Diese Taktik wiederholen sie so oft, bis sie fix und fertig am Umlenker ankommen. Eine Stunde später steigen sie wieder ein, machen im unteren Teil genau dieselben Fehler, rennen drauf los, bis das Laktat die Unterarme zum Platzen bringt. Mit dieser Taktik ist ein Sturz auf ähnlicher Höhe vorprogrammiert. Es findet zwar ein minimaler Lernprozess statt; dieser wird allerdings durch den enormen Verbrauch physischer Ressourcen simultan nivelliert. 


“Fehlende Ausdauer” - die billigste Ausrede

Wer in seinem Kletterurlaub die bestmöglichen Ergebnisse erzielen möchte, sollte sich Folgendes bewusst machen: Die Chance auf einen neuen Highpoint oder einen Durchstieg wird umso größer, je mehr man sich in den vorherigen Gos mit den effektivsten Kombinationen aus Tritten und Griffen auseinandergesetzt hat. Wer dazu neigt, alle Züge nur zu überfliegen, ohne sich mit der Einzigartigkeit jedes Zuges auseinanderzusetzen, kann nur mit einem geringen Lernfortschritt rechnen. Folglich lässt der Durchstieg länger auf sich warten als vielleicht notwendig gewesen wäre. Der Grund für den Misserfolg wird dann gerne auf die mangelnde Ausdauer geschoben. Ich habe wirklich noch nie jemanden sagen hören: “Meine Ausdauer sollte eigentlich genügen, aber ich habe bis zur Crux einfach zu viele Fehler gemacht.” An dieser Stelle ist zu betonen, dass gepumpte Arme nicht der Grund für den Sturz sind, sondern die Folge des ineffizienten Kletterns.


Eine Aversion zu Anstrengung fördert Kreativität

Laktatreiche Unterarme führen nicht nur zu einem zeitnahen Sturz, sondern zusätzlich auch zu einem eingeschränkten Blickfeld, zu einem Mangel an Kreativität und zu einem eingegrenzten Bewegungsrepertoire. Wem das bekannt vorkommt, hat wahrscheinlich schon einmal Stress empfunden. 

Um einen durch Laktat verursachten gestressten Zustand von vornherein zu vermeiden, sollten sich Kletterer und Kletterinnen vor dem Einstieg Gedanken über ihr Ziel machen. Ist ein Onsight oder ein Flash realistisch? Dann führt kein Weg an Vollgas vorbei; Pump ist garantiert! Aber sollte ein Flonsight in der gewählten Route unrealistisch erscheinen, sollte man mit seiner Energie hingegen sparsam umgehen und sich fragen, wie es einem mit möglichst geringem Kraftaufwand gelingt, möglichst viele Informationen zu sammeln. Dabei gilt: Je größer die Abneigung zu Anstrengung ist, desto kreativere Lösungen werden gefunden. 


Die Aversion zu Anstrengung führt zwangsläufig zur einer ausgeklügelten Rotpunkt-Taktik und bietet folgende zehn Vorteile: 

  • Einen tiefen Einblick in den Charakter der Route

  • Eine intensive Suche nach der leichtesten Lösung

  • Zeit und Muße für kreative Lösungen

  • Umfangreicher Austausch mit unseren Partnern

  • Die Perfektionierung einzelner Bewegungen

  • Die Wiederholung komplizierter oder besonders schwerer Sequenzen

  • Die Markierung schwer ersichtlicher Tritte und Griffe

  • Das Putzen von Griffen und Tritten

  • Die Möglichkeit zur Visualisierung in den Kletterpausen

  • Die Schonung physischer und mentaler Ressourcen


Die einzelnen Projektschritte im Detail

Je schwerer das Projekt ist, desto mehr Einzelschritte sind erforderlich. Je leichter das Projekt ist, desto mehr Schritte können übersprungen werden. Bei einem geplanten 2nd Go starte ich zum Beispiel mit Schritt 3 und springe gleich zu Schritt 10. Ein Onsight wiederum spielt sich nur im letzten Schritt ab. Im Folgenden stelle ich meinen umfangreichsten Projektplan für richtig schwere Zwei-Wochen-Projekte vor: 


Schritt 1

Ich schaue mir die Route an und und bekomme einen ersten Eindruck: Gefällt mir die Route? Wo ist die Crux? Welche Züge fallen mir eher schwer? Ist sie realistisch machbar in der mir verfügbaren Zeit? Ich klettere oder ziehe mich hoch mit möglichst wenig Kraftaufwand und allen verfügbaren Tricks. Hier ist wirklich alles erlaubt: Klippsticken, in Exen greifen, in jeden Haken setzen, Topropen, Griffe und Tritte ansagen lassen, Videos anschauen, …


Schritt 2

Ich versuche ohne Anstrengung mit allen zuvor genannten Tricks zur Crux zu klettern, damit ich mir diese mit all meinen Kraftreserven genauer anschauen kann. Ich probiere möglichst viele Varianten aus (eingedreht, ägyptert, frontal, mit Heel- oder Toehook, mit Zwischengriffen oder Dynos) bis die Kraft nachlässt. Danach entscheide ich mich für die leichteste Variante.


Schritt 3

Im dritten Schritt versuche ich die Crux durchzuklettern. Falls mir dies noch nicht gelingt, gehe ich zurück zum zweiten Schritt.


Schritt 4

Ich versuche die Cruxsequenz zu verlängern. Zum Beispiel starte ich wenige Züge weiter unten, starte am letzten Rastpunkt oder klettere bis zum nächsten Rastpunkt.


Schritt 5

Nun muss ich die Crux klettern und zusätzlich auch die Exen klippen.


Schritt 6

Ich schaue mir die zweit schwerste Stelle oder den Rest der Route genauer an.(Je nach Länge der Route). Das Ziel ist die Beta für die gesamte Route festzulegen und auswendig zu lernen. Je schwerer die Route am subjektiven Limit ist, desto mehr muss ich die Bewegungen einschleifen, d.h. desto präziser und schneller müssen sie ausgeführt werden.


Schritt 7

Erst jetzt lege ich alle Klipppositionen fest, die noch nicht ganz klar waren. Eventuell verkürze ich Exen, verlängere sie oder beschließe eine auszulassen. Letzteres erfordert unbedingt die Absprache und das Einverständnis der sichernden Person.


Schritt 8

Auch das Festlegen von Pausengriffen erfolgt erst relativ spät, sofern sie nicht eindeutig sind. Oftmals kann ich mich an den ersten Projekttagen an den Griffen nur wenige Sekunden aufhalten, an denen ich im späteren Verlauf des Projekts pausieren kann. Rastpositionen werden umso besser, je näher die Hüfte an die Wand kommt. Auch hier probiere ich wieder alle Varianten aus: eingedreht, ägyptert, frontal tief oder hoch stehend, mit Heel- oder Toehook oder Best Case mit Kneebar.


Schritt 9

Ich definiere klare Zwischenziele und informiere meinen Partner über bestimmte Sequenzen, die ich durchklettern möchte. Idealerweise klettere ich diese Sequenzen überlappend. Ich füge diesen Zwischenschritt sehr gerne ein, um motiviert zu bleiben, da es wahrscheinlicher ist, diese Ziele zu erreichen als mein großes Ziel, die gesamte Route durchzusteigen. So klettere ich mich wahrlich fit und bewahre ich mich davor, zu oft an derselben Stelle zu stürzen, was ziemlich nervenaufreibend sein kann.


Schritt 10

Ich visualisiere meine Route so oft wie möglich, um mir alle Züge immer wieder in Erinnerung zu rufen, ohne weitere Kraft aufwenden zu müssen. In den meisten Fällen gelingt es mir mein Projekt durchzusteigen, sobald ich davon überzeugt bin, dass ich es kann. Im besten Fall gelingt mir der Durchstieg in meinem ersten ernsthaften Versuch. In seltenen Fällen muss ich nochmal zurück zum zweiten Schritt, da mir die Crux mit Pump schwerer fällt, als zuvor angenommen.


Dies ist nur ein beispielhafter Plan. Auch wenn ich mich meistens daran halte, weiche ich je nach Schwierigkeit und Charakter der Route von diesem Plan ab. Einige Schritte können auch kombiniert werden. Zum Beispiel nutze ich die einfacheren Sequenzen gerne zum Aufwärmen und die Visualisierung gewinnt schon an Bedeutung, sobald ich die Beta für die Crux kenne. Die meisten verstehen unter Klettertaktik nur das Festlegen von Klipp- und Rastpositionen. Ich verstehe unter Klettertaktik mir über meine Zwischenziele klar zu werden und meine Erwartungen meinen realistischen Fähigkeiten anzupassen. 


Erwartungen neu definieren

Warum verfolgen nun so viele Kletterer und Kletterinnen das Prinzip “Klettern bis zum Abfallen”?! Auf diese Frage fallen mir zwei mögliche Antworten ein: Zum einen liegt das Problem an der übermäßigen Fokussierung auf den Durchstieg anstatt auf den Prozess. Wer bei jedem Go einen Rotpunktversuch startet, übersieht die Zwischenschritte, die für den Durchstieg notwendig sind. Einen neuen Highpoint zu setzen ist definitiv ein Erfolg.  Die Crux von der letzten Rastposition durchzuklettern, aber auch. Das Erreichen solcher Zwischenziele wird häufig weniger wertgeschätzt, bedürfen allerdings größerer Aufmerksamkeit.

Zum anderen liegt das Problem an dem Wunsch, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wenn alle Kletterer/innen um einen herum immer vom Boden weg alles geben, fällt es schwerer sich von dieser Taktik abzugrenzen und seinen eigenen taktischen Weg zu gehen.  Besonders schwierig wird es, wenn Kletterpartner einen allzu motiviert anfeuern, obwohl man die Route doch erst einmal locker auschecken möchte. 

Für beide Fälle gibt es die gleiche Lösung, die du einmal ausprobieren könntest:

Informiere deinen Sicherungspartner oder deine -partnerin vor dem Einstieg über dein Ziel. Je nach subjektiver Schwierigkeit wähle dafür einen der o.g. Schritte, wie zum Beispiel “Ich verschaffe mir jetzt erst einmal einen Überblick über die Route (Schritt 1) und werde mich in jeden Haken reinsetzen, um Kraft zu sparen.” Damit wirst du dir über deine eigenen Ziele klar und praktischerweise setzt du gleichzeitig die Erwartungen deiner Kletterpartner/innen herab. Vielleicht erlaubst du dir auch mal den Spaß, deinen Partner nach seinem Plan zu fragen, bevor er in die Route einsteigt. So ändert ihr gemeinsam eure Herangehensweise bei schweren Routen und der Kletteralltag wird wesentlich entspannter ablaufen. 


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