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  • AutorenbildBirte Gutmayer

Aktualisiert: 14. Juni

Die Sturzangst überwinden

- Warum das keine so gute Idee ist! -


Ein Sturz beim Klettern ohne Angst zu haben

Das richtige Maß finden

Kaum jemand kennt nicht mindestens eine Person im näheren Bekanntenkreis, die Sturzangst beim Klettern hat. Doch ab wann hat eigentlich die Angst vor dem Stürzen die Bezeichnung “Sturzangst” verdient? All diejenigen, die Sturzangst haben, kann ich vielleicht etwas beruhigen. In einem gewissen Maße hat jeder Sturzangst. Selbst Alex Honnold hatte einen Moment der Angst bei seiner schwierigsten Freesolo-Begehung. Hätten wir diese nicht, würden wir uns permanent in gefährliche Situationen begeben. In einem gewissen Maß ist Sturzangst lebenserhaltend, weshalb ich denjenigen, die sich trotz objektiver Gefahren mutig zum Umlenker kämpfen, nur raten kann, sich schleunigst etwas Sturzangst aufzubauen.

Die Crux besteht darin, das richtige Maß zu finden. Zu viel Sturzangst hindert uns am Durchstieg und nimmt uns zu einem gewissen Maß den Spaß am Klettern. Bei zu geringer Sturzangst, überstrapazieren wir womöglich unser Glück und manövrieren uns allzu oft in riskante Situationen und gefährden nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Kletterpartner wie zum Beispiel bei einem bodennahen Sturz. 

Deshalb rate ich allgemein davon ab, Sturzangst wirklich zu überwinden. Viel wichtiger ist es, die Gefahr einer Situationen möglichst objektiv statt emotional einzuordnen.


Harte Faktoren zur Einschätzung objektiver Gefahren

  • Bodennähe

  • Wandneigung und Wandstrukturen

  • Absätze/ Bänder

  • Höhe über der letzten Zwischensicherung

  • Subjektiv empfundene Schwierigkeit der Route

  • Festigkeit des Gesteins

  • Qualität der Haken

  • Quergänge und Pendelgefahren

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Klettern ist Teamsport

Neben diesen harten Faktoren spielt es für mich auch eine ganz besondere Rolle, wer mich gerade sichert. Nicht vielen Personen vertraue ich mein Leben an und bei allen anderen gehe ich lieber eine Nummer sicher, sage lieber mal “Zu” um Stürze zu vermeiden. Vertrauen braucht Zeit; mal mehr, mal weniger. Bei mir unbekannten Sichernden kann ich es nicht lassen, kontrollierende Blicke nach unten zu werfen: Ist die Menge an ausgegebenen Seil passend? Schaut die Person aufmerksam nach oben? Ist ihr Abstand zur Wand je nach Gewichtsunterschied und Reibung richtig? Gegebenenfalls gebe ich Rückmeldung, damit ich mich sicherer fühle. Es gibt nur wenige Personen, denen ich blind vertraue und an mein volles physisches Limit gehen kann und keinen Gedanken an das Stürzen verplemper. Ich habe das Glück meistens meinen Mann an meiner Seite zu haben. Wenn er mich zögern sieht und sagt “Ist safe! Allez”, dann ziehe ich weiter, weil ich ihm und seiner Einschätzung vertraue. Ich weiß dann, dass ich weder auf dem Boden landen werde, noch wie eine Abrissbirne hart gegen die Wand knalle. Fakt ist, dass ich nur durch ein hohes Maß an Vertrauen mein sportliches Limit erreichen kann. Und der Aufbau dieses Vertrauens braucht Zeit und ist manchmal harte Beziehungsarbeit.


Aspekte zur Einordnung der Sicherungskompetenz

  • Das Gewicht der sichernden Person Bei schwereren Personen plagt mich die Angst vor harten Stürzen. Bei leichteren Personen befinde ich mich länger in Bodensturzgefahr.

  • Die Fähigkeiten Wie schnell wird das Seil ausgegeben und eingenommen? Wie körperdynamisch ist das Sichern? Möglichst kurz aber sanft soll es sein.

  • Die Erfahrungen Wie viele Stürze hat die sichernde Person schon gehalten? Auf wie viel Erfahrung kann sie zurückgreifen? Kann sie mein Gewicht und die Reibungsverhältnisse einordnen?

  • Die Aufmerksamkeit Geht der Blick zu mir? Klettert sie mit?

  • Bereits gemachte Erfahrungen bei der sichernden Person Eine schlechte Erfahrung braucht circa sieben gute Erfahrungen, um verlorengegangenes Vertrauen neu aufzubauen.

  • Das Kletterverhalten der sichernden Person Wenn sie sich selbst gerne in riskante Situationen manövriert, ist es eher unwahrscheinlich, dass sie meine Lage ernst nimmt und richtig einschätzen kann.


Risikoeinschätzung

Es gibt also ziemlich viel zu beachten, um zu entscheiden, ob ich Sturzangst haben sollte und mich dementsprechend verhalte oder ob ich mit Vollgas hochklettere ohne einen einzigen Gedanken an meine Sicherung verschwenden zu müssen. Und wie immer im Leben, wächst die Fähigkeit zur objektiven Beurteilung mit regelmäßiger Reflexion und gesammelten Erfahrungen. Wie hoch ein Risiko bei einem Sturz ist, hängt von der Eintrittswahrscheinlichkeit und den Folgen ab. So kann ich einen spärlich abgesicherten alpinen 5er ((Wahrscheinlichkeit eines Sturzes 1 + Folgen 9)/2 = Risiko 5) genauso risikoarm klettern wie einen französisch abgesicherten 10er ((Wahrscheinlichkeit 9 + Folgen 1)/2 = Risiko 5).


Das erste Mal

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Zehn-Meter-Sturz 2013 in Spanien erinnern. Er war ziemlich ungefährlich, aber unglaublich weit. Wovor ich Angst hatte, war das Unbekannte. Ich hatte einen solchen Sturz noch nie erlebt. Also hielt ich mich bis zum bitteren Ende vier Meter über dem letzten Haken fest und schrie: “Ich kann nicht mehhhhhhr!”. Es ging weder vor noch zurück. Ich konnte mich nur noch, und das erstaunlich lange, festhalten. Ich hielt mich fest, bis mir keine Wahl mehr blieb. Also ließ ich los und fiel und fiel und fiel…. Mit einem Puls von 180 landete ich wie eine Feder im Seil. 

Hätte ich mir doch nur mal realistisch überlegt, was passieren wird, wenn ich falle. Dann wäre ich wahrscheinlich zum Schluss gekommen, dass nichts passieren wird. Der Boden war 30 Meter unter mir, der letzte Haken in Falllinie, die Haken waren solide, die Wand leicht überhängend und unten stand der weltbeste Sicherer mit dem goldenen Grigri in der Hand. Aber auch er war etwas nervös. Schließlich war es auch sein erster Zehn-Meter-Sturz, den er mit Bravour gehalten hat.


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